Gefangen in der Happy-Hour

Wie Carsten Schlangen, der beste 1500-Meter-Läufer Deutschlands, sein Leben im Doping-Kontrollsystem lebt

Carsten Schlangen bei den Olympischen Spielen in PekingBERLIN. Es ist 9.10 Uhr an einem ganz gewöhnlichen Tag im Leben von Carsten Schlangen. Er räumt die Spülmaschine aus. Dann deckt er den Frühstückstisch, Nutella, Honig, eine Packung Schnittkäse-Allerlei, und nimmt den Kampf mit der nicht aufschäumen wollenden Milch auf. Ein Hilfsangebot des Reporters lehnt er entschieden ab, entschuldigt sich stattdessen dafür, dass ihm der gute italienische Espresso ausgegangen sei. Zum Glück findet sich im Küchenschrank noch eine Ersatzpackung mit dem billigen Kaffee aus dem Supermarkt. „Den hatte ich eigentlich für den Dopingkontrolleur im Haus", sagt Schlangen.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Der Berliner Leichtathlet Carsten Schlangen, 28, hat prinzipiell nichts gegen Dopingkontrolleure einzuwenden. Sie seien natürlich notwendig und meistens sogar sehr nett, sagt er. Schlangen sieht sich aber nicht nur als 1500-Meter-Dauerläu-fer, als Spitzensporler und Kaderathlet. Er sieht sich auch als Mensch, dem eine gewisse Privatsphäre zusteht. Irgendwo in dem schwer begehbaren Gestrüpp zwischen der Mitarbeit an einem funktionierenden Kontrollsystem und dem Wunsch nach individueller Freiheit, da lebt Carsten Schlangen. Da hatte er sich eigentlich eingerichtet. Erst in diesem Jahr, mit dem neuen Code der Welt-Antidoping-Agentur Wada, ist das Ganze aus seiner Sicht gekippt. Der organisatorische Aufwand für den einzelnen Sportler stehe seither in keinem Verhältnis mehr zur Effizienz des Antidoping-Kampfes, findet er.

Der Duft des Fliederbaumes

Stein des Anstoßes ist die so genannte Ein-Stunden-Regel. Bislang mussten Spitzensportler vierteljährlich im Voraus angeben, an welchem Ort sie sich an welchem Tag aufhalten. Diese Regelung ist nun verschärft worden, weil die Athleten darüber hinaus täglich eine Stunde angeben müssen, zur der sie definitiv an einem von ihnen festgelegten Ort anzutreffen sind -eine Art Happy-Hour für Kontrolleure. „Die ursprüngliche Idee klingt ja nicht so schlecht", sagt Schlangen. „Aber wenn man selbst davon betroffen ist, kommt man sich wie ein Gefangener vor."

Schlangen bestreicht sein Crois-sant mit dicken Schichten aus Butter und Nutella. Hinter ihm in der Küche lagern diverse Weinflaschen, es sind Mitbringsel von den zurückliegenden Trainingslagern im Ausland. „Im Prinzip ist Sport ja mein Hobby", sagt er. Es ist ein Hobby, mit dem er Geld verdient. Aber auch ein Hobby, das ihm sehr viel abverlangt. Draußen scheint die Sonne, vom Fliederbaum vor dem Küchenfenster weht der Frühling in die Drei-Zimmer-Wohnung in Berlin-Mitte. Schlangens Bruder und Mitbewohner Dirk grüßt kurz und lässt die Tür hinter sich ins Schloss fallen. Carsten muss zu Hause bleiben. So hat er es eingetragen im Anti-Doping-Terminkalender.

10.20 Uhr, Carsten Schlangen sitzt in seinem WG-Zimmer am Rechner. Auf dem Nachttisch liegt der Roman „Verschwende deine Jugend" von Jürgen Teipel. Schlangen hat seine Jugend nicht verschwendet, ganz bestimmt nicht. Er hat sich ja erst sehr spät, mit 23 Jahren, in das Kadersystem der Leichtathletik integriert. Schlangen ist ein Landei aus Meppen, wie er sagt. Vor einigen Jahren kam er nach Berlin. Nicht wegen des Sports, wegen des Architektur-Studiums an der TU. Er machte ein Auslandssemester in Helsinki und stellte dort fest, dass Dauerlaufen doch einfacher ist als Finnisch lernen. Im Sport war er schon als Schüler ganz gut gewesen („fast immer eine Ehrenurkunde"), und deshalb wollte er einmal sehen, wie weit er kommt, wenn er ein Jahr lang ernsthaft trainiert. 2004 war das. 2008 nahm er an den Olympischen Spielen teil.

Als einziger Deutscher erreichte Schlangen das Halbfinale über 1500 Meter. Er ist einer jener Sportler, die nicht so berühmt sind, dass andere den Alltag für sie regeln. Er ist aber einer jener Sportler, die so gut sind, dass sie über ihren Alltag nicht mehr frei verfügen dürfen. Schlangen gehört zu den besten Fünfzig seiner Disziplin weltweit. Damit führen ihn die Antidoping-Behörden als Athlet der Risikogruppe Eins. Er soll jeden Tag einen lückenlosen Stundenplan erstellen, der seine Aufenthaltsorte dokumentiert. Die Wada hat zu diesem Zweck das Online-Abmeldesystem Adams installiert. Dort gibt es je eine Eingabemaske für den Monats- und den Tagesplan. Von Wada-Seite heißt es, eine Stunde genüge, um die Planung für ein Vierteljahr online zu stellen. Carsten Schlangen behauptet, dass ihn das mindestens zwei Stunden wöchentlich koste, weil das Adams-System nicht richtig funktioniere.

An diesem Tag will Schlangen kurzfristig seinen Kalender ändern, weil er einen Friseurtermin hat. Er muss den ganzen Tag von Neuem eingeben, so will es das Computerprogramm. Von 11 bis 12 Uhr trägt Schlangen „Training im Volkspark Friedrichshain" ein. Das System fragt ihn nach einer Telefonnummer. Er lässt das Feld auf Kosten einer Fehlermeldung frei. Seine Mobilnummer darf er nicht angeben, weil es den Dopingkontrolleuren prinzipiell untersagt ist, auf seinem Handy anzurufen. Dopingkontrollen müssen unangemeldet sein.

Schlangen ist die rot leuchtende Fehlerwarnung schon gewohnt. Er klickt sich weiter zum nächsten Termin. 15.30 bis 16 Uhr: Friseursalon Rungenhagen. Wieder bekommt Schlangen eine Fehlermeldung, die Aufenthaltszeit muss mindestens eine Stunde betragen. Obwohl er nur die Spitzen schneiden lassen will, gibt er der Software nach. Von halb sechs bis halb neun trägt er „Training" ein. Danach, bis Mitternacht: „Aufenthalt Wohnort".

Jetzt muss Schlangen nur noch jene Stunde festlegen, zu der er unter allen Umständen erreichbar ist. „13.30 bis 14.30 zu Hause", sagt er über seine Schulter hinweg, „dann koche ich uns ein paar Nudeln, und wir warten auf die Kontrolle." Der Reporter hat nichts einzuwenden. Schlangen drückt auf „absenden". Nach zwei weiteren Fehlermeldungen und einem Anruf beim Techniker der Antidoping-Agentur ist das Online-Formular erfolgreich übermittelt. Über 30 Minuten hat das Ganze gedauert, inzwischen ist es kurz vor elf. Schlangen sagt: „Jetzt muss ich erst einmal joggen gehen. Sonst verpasse ich meinen Termin im Volkspark."

Carsten Schlangen hat die Wada mehrfach auf die Macken des Kontrollprogramms hingewiesen (erstmals im Dezember 2008), er hat gebeten, kooperationswilligen Sportlern das Leben ein wenig zu erleichtern. Eine vernünftige Antwort hat er bis heute nicht erhalten. „Wenn man sich beschwert, versuchen die einem zu vermitteln, man sei ein komplizierter Einzelfall", sagt er.

Beschwert haben sich auch schon andere: die Basketballer, Michael Ballack, die EU-Kommission. Seit die großen Teamsportverbände, allen voran die übermächtige Fifa, der Wada einen zweiwöchigen Urlaub vom Kontrollsystem abringen konnten, fühlen sich Einzelsportler erst recht unfair behandelt. „Das ist eine Zweiklassengesellschaft", sagt Schlangen, während er in seine Raukeverzierte Edelbou-lette beißt. Es ist 13.45 Uhr. Eigentlich müsste er jetzt zu Hause sein. Ist er aber nicht.

Weil um 13.30 Uhr plötzlich die Putzfrau in der Tür stand, haben Schlangen und der Reporter beschlossen, ihr Mittagessen in ein kleines Bistro in der Nachbarschaft zu verlegen. Schlangen hat vorschriftsmäßig
eine SMS mit der neuen Adresse seines Aufentha
ltsortes verschickt. Es ist eine englische Nummer. Das Adams-Team der Wada sitzt in London.

Nach 25 Minuten ist der Imbiss zu Ende. Eine allzumenschliche Idee wäre es jetzt, sich um die Ecke ein Eis zu kaufen und einen kleinen Spaziergang in der Sonne zu machen. Schlangen aber sagt: „Jetzt habe ich die SMS verschickt. Jetzt muss ich auch eine Stunde hier ausharren."

Ein Dopingkontrolleur ist bei Carsten Schlangen im Übrigen noch nie vorbeigekommen, seit es die Ein-Stunden-Regel gibt.

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