Vorzeichen

Zu meiner Anreise nach Turin hatte ich wie gewöhnlich meine Thermoskanne mitgenommen. Im Post-9/11-Zeitalter mußte ich diese vor dem Abflug vom Flughafen Tegel austrinken. Die Kanne war gut gefüllt und so verging einige Zeit vor dem Sicherheits-Schalter. Ich betrachtete die Lackschäden, die die Kanne seit den Deutschen Meisterschaften in Leipzig aufwies. Aus der silbrig glänzenden Absplitterung entwickelte sich wie bei der Betrachtung eines Tintenflecks in meinem Kopf ein Bild. Die Umrisse zeichneten die italienische Halbinsel nach. Dem Stiefel fehlte allein die Insel Sizilien. Ansonsten war der Umriss exakt.

Ich bin eigentlich nicht abergläubisch und glaube für gewöhnlich nicht an derartige Zeichen – dieses exakte Bild der italienischen Halbinsel stimmte mich allerdings positiv.

Die Anreise nach Turin und die direkte Blutabnahme bei Ankunft im Hotel trübten relativ schnell das Bild vom perfekten Wettkampfwochenende. Zimmerkollege Wolfram Müller und ich wurden noch vor dem Mittagessen im Hotel abgeführt. Nach der Prozedur war die Küche geschlossen und es standen nur noch einige trockene Sandwiches bereit.

In den ersten Tagen in Turin hatte ich bei den lockeren Dauerläufen gemeinsam mit Wolfram Müller kein wirklich lockeres Laufgefühl. Alles war irgendwie zäh. Hatte ich mich mit der Anzahl und Dichte der Reisen übernommen? Noch am Montagabend war ich aus Lanzarote von einem semispezifischen Trainingslager nach Berlin gereist – am Mittwoch in der Frühe ging es dann weiter nach Turin.

Am Samstag starte ich im zweiten Vorlauf über 1500m. Nach dem Start fand ich mich direkt in der Führungsposition; der Niederländer Bas Eefting hatte mir die Innenbahn freigehalten. Ich hatte das ganze Feld hinter mir und kümmerte mich fortan allein um das Tempo. Wolfram Müller hatte im ersten Vorlauf das Tempo schnell gestaltet und sehr viele Läufer waren bei etwa 3:41min ins Ziel gelaufen.

Ich fühlte mich während des Rennens nicht so frisch, wie noch bei den Deutschen Meisterschaften in Leipzig vor zwei Wochen. Allein konnte ich das Tempo nicht ausreichend schnell gestalten. Niemand aus dem Feld unterstützte mich in meiner Führungsarbeit.

Wir passierten die 1200m in etwa 3:00min. Zu langsam für eine Zeit um 3:40min. Eine kleine Gruppe von drei Läufern passierte mich. Ich konnte zwar den Anschluß halten. Allerdings gelang es mir nicht, auf der Zielgeraden noch einen der Läufer zu überspurten. Ich schied als vierter knapp aus.

Ich war enttäuscht, dass ich nach so langer Tempoarbeit nicht für meinen Einsatz belohnt wurde. Erneut war ich knapp am Finale einer internationalen Meisterschaft vorbeigeschrammt.

Zurück im Hotel betrachtete ich meine Thermoskanne erneut. Ich verglich die Absplitterung im Lack der Kanne mit der Zeichnung der italienischen Halbinsel in einer Hotelbrochure. Die Absplitterung war zwar relativ präzise, aber es fehlte die Region Piemont.

Cross am Wochenende

Auf meinem Rückweg nach Berlin wollte ich noch beim Wirtschaftsbankett der Sportstiftung Emsland vorbeischauen. Dazu hatte ich einen Flug nach Düsseldorf gebucht. In das Bild des Wochenende passte, dass der Flug aus Turin verspätet startete. Ich konnte meinen Anschlußflieger von München nach Düsseldorf nicht mehr errreichen. Eine Umbuchung nach Berlin war mit der Lufthansa kein Problem – an dieser Stelle ein großes Lob an den offiziellen Sponsor des DLV.

Das nächste Zeichen

Als ich in den Flieger nach Berlin stieg wies mich ein mitgereister Journalist auf das nächste Zeichen hin. Der Name des Fliegers der Lufthansa: INGOLSTADT. Soll ich nun anfangen zu vertrauen.


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